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Tipps: Tipps zum Coming Out

von Julia Jacqueline Buss

Tipp Nr. 1: Lasst euch Zeit
Tipp Nr. 2: Lasst auch den anderen Zeit
Tipp Nr. 3: Ein Bild
Tipp Nr. 4: Erstellt einen Plan, wer, wie, wo und wann
Tipp Nr. 5: Überlegt euch was ihr sagen wollt
Tipp Nr. 6: Vertrauen geben, Vertrauen nehmen
Tipp Nr. 7: Sicherung des Einkommens
Tipp Nr. 8: Die breite Öffentlichkeit
Tipp Nr. 9: Das Ziel vor Augen
Tipp Nr.10: Der Tag X

Letzter Teil: Musterschreiben z.B. für Kollegen

Diese Info beschreibt ein sanftes Outing mit dem ein möglichst positiver Effekt erzielt werden soll, der die Grundlage für ein neues Leben bildet. Diese Info ist geschlechtsneutral und sollte sowohl für MzF als auch für FzM anwendbar sein.

Wenn ich rückblickend mein eigenes transsexuelles Leben betrachte, dann fällt auf, dass es einen relativ langen Zeitraum gibt in dem ich meine Transsexualität verdrängt und später dann im Geheimen gelebt habe. So lange, bis es quasi nicht mehr auszuhalten war. Das Geheimhalten wurde insbesondere ab dem Zeitpunkt schwierig, ab dem ich mir selbst darüber klar geworden bin und für mich auch akzeptiert habe, dass ich eine transidente Geschlechtsidentität habe. Ab dem Zeitpunkt also, wo das, wie ich es nenne, „innere Coming Out“ stattgefunden hat.

Zwangsläufig, um ein halbwegs vernünftiges Leben weiterführen zu können, musste, getragen von all den Unsicherheiten und Ängsten, die ebenfalls über einen langen Zeitraum meine ständigen Begleiter waren, die Entscheidung zum äusseren Coming Out kommen.
Die große Frage, die dabei immer Raum stand lautete, wie sage ich der Öffentlichkeit wie ich in Zukunft leben und auftreten werde.
Ich selbst bin MzF und habe mich im Alter von 46 Jahren geoutet. Ich lebe, mit einigen Unterbrechungen, seit meiner Geburt in einer 6000 - Einwohner - Gemeinde, bin dort aufgrund meiner Mitgliedschaft in einem Verein auch sehr bekannt. Wie in fast jeder kleinen Gemeinde, so wird auch hier gerne intensiv über Neuigkeiten geredet. Ich bin verheiratet und arbeite im Vertriebsaussendienst in ständigem Kundenkontakt.

Mein Coming Out zog sich über fast zwei Monate hin. Meine Ehepartnerin hat, obgleich es für sie wirklich nicht einfach war, aktiv an meinem Outing mitgewirkt. Am Ende, nachdem ich alle, die ich für wichtig hielt, eingeweiht hatte, hatte ich 60 Gespräche geführt und inklusiv meiner Kunden, die ich betreue ca. 150 Menschen informiert. Dabei waren nur zwei wirklich negative Reaktionen, jedoch auf der anderen Seite unzählige zum Teil sehr herzliche positive Reaktionen zu verzeichnen. Nach nunmehr vier Jahren kann ich guten Gewissens sagen, dass der Aufwand sich gelohnt hat. Ich werde überall akzeptiert, so als wenn es schon immer so gewesen wäre. Meine Ehepartnerin ist nach wie vor bei mir und das Leben macht wieder Spaß.

Basierend auf meinen eigenen, absolut positiven, Erfahrungen und den Erfahrungen von Freundinnen und Bekannten, möchte ich im Folgenden 10 Tipps geben wie man das äussere Coming Out gezielt angehen kann.

Wohlgemerkt kann, denn es gibt kein Patentrezept. Es ist immer erforderlich, dass die eigenen persönlichen Verhältnisse in Betracht gezogen werden.

Dennoch um diesem, für die weitere Zukunft so wichtigen Schritt Rechnung zu tragen, ist eine sorgfältige Planung notwendig.



Tipp Nr. 1: Lasst euch Zeit
Oft genug kommt es vor, dass man in all der Verzweiflung einfach auf die Straße laufen möchte und es einfach hinausschreien möchte, um den Druck loszuwerden.
Sicherlich eine Möglichkeit, aber eine Möglichkeit, die Unverständnis und Schockwirkung auslösen kann. Und damit wäre genau das erreicht, was nicht erreicht werden soll. Überlegt also in Ruhe wann der beste Zeitpunkt für das Coming Out ist. Zurück zum Seitenanfang

Tipp Nr. 2: Lasst auch den anderen Zeit
Überlegt euch gut ob ihr euch schon bei eurem Coming Out in der neuen Rolle präsentiert!!
Es hat sich als sinnvoll erwiesen, den Menschen, denen man sagen will, was in Zukunft auf sie zukommt, Zeit zu lassen. Zeit zu lassen, die Veränderung zu akzeptieren, das Ganze zu verarbeiten, denn für viele wird es trotz aller Planung und Behutsamkeit immer noch ein Schock sein, wenn sie die Tatsachen erfahren. Ich habe die Erfahrung gemacht, je länger man die Menschen kennt, um so schwieriger ist es für diejenigen, die neuen Tatsachen zu begreifen. Also lasst eine gewisse Zeit, etwa sechs bis acht Wochen zwischen Coming Out und der tatsächliche Veränderung vergehen. Dies hat zwei weitere vorteilhafte Aspekte. Zum einen könnt ihr euch selbst gezielt auf den Tag X vorbereiten, denn je nach Umfang kann euer Coming Out recht anstrengend werden und zum anderen macht ihr die Leute neugierig.
Kündigt auf alle Fälle das Datum des Wechsels schon beim Coming Out an.

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Tipp Nr. 3: Ein Bild
Lasst euch fotografieren. Ein schönes ansprechendes Bild, dass euch freundlich und interessant erscheinen lässt, sollte es sein. Es können natürlich auch verschiedene Bilder sein. Achtet darauf so auszusehen wie eine Frau respektive ein Mann im normalen Alltag aussieht.
An dieser Stelle ist Übertreiben kontraproduktiv. Also, dezentes Make up, Kleidung und dezenter Schmuck. Dieses Bild soll euch bei euren Gesprächen begleiten. Benutzt es dazu den Leuten mit denen ihr sprecht zu zeigen wie ihr demnächst aussehen werdet. Ihr werdet feststellen, dass dieses simple Hilfsmittel sehr nützlich ist. Zurück zum Seitenanfang

Tipp Nr. 4: Erstellt einen Plan, wer, wie, wo und wann
Je nach persönlichem sozialem Umfeld solltet ihr euch überlegen: wer soll informiert werden, in welcher Reihenfolge, wie soll dies geschehen, wo und wann soll dies geschehen. Ein entsprechender Rahmen, eine private Atmosphäre ist allemal besser als eine laute Disco.

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Tipp Nr. 5: Überlegt euch was ihr sagen wollt
Überlegt euch im Vorfeld was ihr sagen wollt. Es ist sicher hilfreich, wenn ihr auf euren Leidensweg hinweist und das ein oder andere gravierende Beispiel daraus erwähnt aber macht keine Mitleidsstory daraus. Gebt auch ein wenig Hintergrundinformation zum Thema, denn die wenigsten kennen die Materie so wie ihr. Viele Menschen implizieren beim Thema Transsexualität eine Verbindung zum Rotlichtmilieu. Hier ist meist eine gewisse Aufklärungsarbeit notwendig. Sagt klipp und klar was Sache ist und warum ihr diesen Weg geht bzw. gehen müsst. Sagt was ihr von euren Mitmenschen erwartet und wie ihr behandelt werden wollt. Versucht ihnen die Berührungsangst zu nehmen, denn die ist zweifellos fast immer vorhanden. Betont auch eure weitere Gesprächsbereitschaft falls im nachhinein Fragen aufkommen.
Mit diesem Gesprächsinhalt entzieht ihr jeder weiteren Spekulation und jedem Getratsche den Nährboden. Denn die Fakten und Hintergründe kommen von euch persönlich und nicht aus irgendwelchen dubiosen Quellen. Zurück zum Seitenanfang

Tipp Nr.6: Vertrauen geben, Vertrauen nehmen
Sinnvollerweise wird man die Menschen zuerst informieren, die einem am nächsten stehen. Dies können Ehepartner, Lebensgefährten, Verwandte oder auch gute Freunde sein. Eben der Kreis, bei dem ihr sicher sein könnt, dass noch nichts nach aussen dringt. Wenn möglich bezieht eure Partner in eure Planung mit ein (Tipp Nr.4). Euer Vorhaben solltet Ihr auf jeden Fall in einem persönlichen Gespräch erläutern.
Übrigens, spätestens nach diesem Ereignis werdet ihr feststellen ob „gute Freunde“ wirklich gute Freunde sind. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen.

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Tipp Nr.7: Sicherung des Einkommens
Im nächsten Schritt wäre daran zu denken den Arbeitgeber zu informieren. Das an dieser Stelle eine gute Vorbereitung und ein gewisses Maß an Sensibilität gefragt ist versteht sich von selbst, denn jetzt kommt es darauf an das Einkommen auch für die weitere Zukunft zu sichern.
Hier auf jeden Fall zuerst den Betriebsrat (Vorsitzende/Vorsitzender), sofern vorhanden, in einem persönlichen Gespräch ins Vertrauen ziehen. Der Betriebsrat kann bzw. muß bei evtl. nachfolgenden Schwierigkeiten Unterstützung geben.
Unmittelbar danach sollte dann, in Abhängigkeit der Unternehmensstruktur eine Unterredung mit dem Vorgesetzten, Abteilungsleiter oder Chef erfolgen. Es empfiehlt sich bereits einen Plan, wie und wann direkte Kollegen, Mitarbeiter bzw. der Rest der Belegschaft informiert werden soll, in der Tasche zu haben. Zurück zum Seitenanfang

Tipp Nr.8: Die breite Öffentlichkeit
Wenn der Schritt 7 getan ist, der bei entsprechendem Vorgehen, mit großer Wahrscheinlichkeit positiv sein wird, dann ist die Zeit reif, der eigentlichen Öffentlichkeit zu sagen was Sache ist. Dazu gehören Bekannte, Nachbarn, Vereine, Bürgermeister, und sonstige Persönlichkeiten mit denen ihr ständigen Kontakt habt.
Wer an dieser Stelle zu informieren ist, hängt ganz stark vom Wohnort und dem persönlichen Umfeld ab. Dies können nur ein paar oder auch ganz viele Menschen sein. Informiert aber so viele Menschen wie möglich im persönlichen Gespräch. Wer für das persönliche Gespräch nicht in Frage kommt, dem schickt einen persönlichen Brief und legt eurer Bild dazu. Ein Beispiel für einen solchen Brief findet ihr im Anhang.

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Tipp Nr.9: Das Ziel vor Augen
Wenn nun die große Öffentlichkeit informiert ist, ihr diesen Schritt auch hinter euch gebracht habt, dann ist erst einmal eine große Last von euch genommen.
Jedoch, bedenkt bei eurem Handeln immer, dass euer Coming Out auch für eure Mitmenschen ein sehr einschneidendes Ereignis ist und dass es durchaus sein kann, dass ihr mit dem ein oder anderen ein zweites Gespräch führen müsst.
Seid euch auch darüber im Klaren, dass euer Coming Out auch herbe Verluste bringen kann und, dass nicht unbedingt jeder dafür Verständnis haben wird.
Seid euch weiterhin darüber im Klaren, dass es trotz aller Informationen und trotz aller Offenheit ein gewisses Gerede geben wird. Auch dies ist sicherlich ganz stark vom jeweiligen Umfeld abhängig. Lasst euch dadurch jedoch nicht entmutigen euren Weg weiter zu gehen. Geht euren Weg mit Selbstbewußtsein und mit erhobenem Haupt. Ihr werdet erfolgreich sein. Es gibt keinen Grund euch weiterhin zu verstecken, das habt ihr lange genug getan.
Ihr werdet bei eurem Coming Out mit Sicherheit auch viel Anerkennung und Zuspruch bekommen. Zurück zum Seitenanfang

Tipp Nr.10: Der Tag X
Jetzt gilt es das in die Tat umzusetzen, was ihr wahrscheinlich schon oft genug geübt und mehr oder we-niger sporadisch auch schon praktiziert habt.
Achtet bei eurem neuen Auftritt ebenfalls auf ein ansprechendes Äußeres. Vermeidet schrille Kleidung und übertriebenes Make up. Weniger ist hier mehr! Beobachtet einfach die Bio-Frauen, wie sie sich benehmen, anziehen und schminken.
Es ist klar, dass die Öffentlichkeit, also die Leute, die ihr informiert habt und auch die, welche die neue Nachricht aus Drittquellen erfahren haben, auf euch schauen werden. Wenn es euch gelingt, dass man euch nicht als schrillen Vogel wahrnimmt, sondern als Mensch wie „Du und ich“, dann habt ihr bereits gewonnen. Keine Angst, die anfängliche Unsicherheit verschwindet schnell und der ganz normale Alltag macht sich breit.

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Letzter Teil: Musterschreiben z.B. für Kollegen oder in entsprechend abgeänderter Form für Bekannte etc.:**

„Liebe Kolleginnen und Kollegen,

es gibt einen ganz besonderen Grund, warum ich mich heute schriftlich an Sie / Euch wende.
Möglicherweise haben einige von Ihnen / Euch bemerkt, dass ich in meinem äußeres Erscheinungsbild etwas anders ist, als das meiner Kollegen. Das Phänomen ist zwar einfach zu benennen, jedoch nicht so einfach zu erklären.
Der Grund für diese Veränderungen ist die Tatsache, dass ich eine transidente Geschlechtsidentität habe. Mit einfachen Worten ausgedrückt, daß ich transsexuell bin. Das heisst, daß ich mich dem weiblichen / männlichen Geschlecht zugehörig fühle und mich auch als weiblich/männlich empfinde.
Um es gleich vorweg zu nehmen, dies ist nicht gleich zu setzen mit Travestie oder Transvestitismus.

Für mich war damit ein langer, existentieller Leidensweg verbunden. Diesem Leidensweg habe ich nun ein Ende gesetzt. Daraus resultiert zwar kein einfacher, aber notwendiger Entschluss, nun endlich auch äusserlich das zu werden was ich schon immer bin, nämlich eine Frau / Mann.

Den/die (alter Vorname) habe ich endlich hinter mir gelassen. Ab dem XX.XX.XX habt ihr somit eine neue Kollegin/Kollege, sie / er heisst (neuer Vorname). Unsere Geschäftsleitung ist davon informiert und unterstützt mein Vorhaben in vollem Umfang.

Ich wäre Ihnen / Euch allen sehr dankbar, wenn Sie / Ihr dies so akzeptieren würdet, denn meine Wesensart und mein Charakter wird sich dadurch nicht ändern. Es ändert sich lediglich mein äusseres Erscheinungsbild. Was ich nicht benötige und auch nicht brauchen kann ist Mitleid. Eine Portion gelebte Solidarität hingegen wäre hilfreich, denn das schlimmste habe ich bereits überstanden. Was jetzt folgt ist nur noch Befreiung, Befreiung aus einem falschen Körper.

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